elias weingärtner
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Vier Dinge, die ich in den letzten Tagen gelernt habe

Auf einer Radreise lernt man unfreiwillig Dinge, die man nicht unbedingt über die Welt oder sich lernen möchte. Fünf teilweise ernste Gedanken möchte ich mit euch teilen.

1. Ich bin nicht für die Solo-Arktisexpedition geboren.

Knapp eine Woche ist es her, dass ich meinen Radfahrbuddy Elhad Richtung Leipzig verabschiedet habe. Vorher hatte ich eine tolle Zeit mit Claudia, Micha und meinen Gastgebern von Warmshowers. Dann kam der Einschnitt: Erkältung, zwei Tage Bettruhe in Dessau. Dann wieder kürzere Etappen von sechzig bis achzig Kilometern, um den grippalen Infekt auf dem Rad auszukurieren. Das hat auch weitgehend geklappt, und ich bin seit ein paar Tagen wieder fit.

Was seit Dessau weitgehend auf der Strecke geblieben ist, sind wirkliche Begegnungen: Während der ersten Tage bin ich noch zu träge, um mit dem raschen Tempo der leichtbepackten Radler mit ein- oder zwei Taschen nach Berlin mitzuhalten. Weiterhin habe ich den Eindruck, dass die meisten gepäckbepackten Radler mir entgegenkommen, nicht aber in meine Richtung fahren. Somit beschränkt sich das Gespräch auf ein "Hallo", ein artiges Kopfnicken oder Winken. Wenig soziale Interaktion auf dem Rad also.

Und Warmshowers? Natürlich denke ich zeitweise darüber nach, ob mir nicht Warmshowers oder Couchsurfing den Tag versüßen kann. Ich will ja Menschen treffen! Von dieser Idee habe ich diese Woche jedoch Abstand genommen, da ich nicht eine taufrische Bronchitis in die Wohnung fremder Menschen tragen möchte. Es bleibt also eins: Abwarten und Pfefferminz-Tee trinken. Ich bin sicher, dass auf den kommenden Kilometern des R1 ein weiterer Solo-Radler Richtung Norden fährt. Ich muss mich also in Geduld üben. Gleichzeitig lerne ich aber auch, dass ich nicht für eine Solo-Expedition zum Mars oder in die Antarktis geboren bin. Zumindest sage ich das jetzt :-)

Hier in Polen - diese Zeilen schreibe ich in Pila - habe ich tatsächlich erst zwei Radreisende gesehen; es bleibt also spannend, ob sich hier noch eine "R1-Clique" bildet, also ein Rudel von Radreisenden, das sich in die gleiche Richtung bewegt. So etwas habe ich z.B. letztes Jahr am Eurovelo 6 ("Donauradweg") Richtung Rumänien erlebt, wo Joya und ich immer wieder auf die gleichen Nasen gestoßen sind.

2. Dunkeldeutschland existiert wirklich - und die Hoffnungslosigkeit ist spürbar, wenn man nur durchradelt

In der letzten Woche habe ich zahlreiche Dörfer in Brandenburg und Sachsen-Anhalt mit dem Fahrrad durchquert. Fast überall gähndene Lehre auf den Straßen. Leben hier Menschen? Offensichtlich ja, aber meist begegne ich Rentnern, die ihre Rollatoren zwischen spießig bis maroden Einfamilienhäusern oder gar DDR-Plattenbauten bewegen. Was mir auffält, sind dass viele Bürgerinnen und Bürger auch Monate nach der EM noch ein Deutschland-Trikot tragen. Und die Fahne weht auch häufiger als in Freiburg.

Als ich in einem dieser Orte nach einer Bäckerei oder einem Supermarkt frage, schickt man mich in den 8km entfernten Nachbarort. Ich habe Hunger, doch die Türen zweier im GPS-Gerät verzeichneten Gaststätten sind vernagelt. Die dritte hat - wie übrigens gefühlt jedes zweites Restaurant Montags und Dienstags Ruhetag - und ich bin natürlich Dienstags unterwegs.

Die Frage, ob hier jemand lebt, oder was "Leben" hier bedeutet, wird lauter in mir. Fast alles fühlt sich mausetot an. Am Concordiasee führe ich ein Gespräch mit einem älteren Ehepaar aus der Region. Der Concordia-See ist ein zukünftiges Naheerholungsgebiet an einem gefluteten Tagebau, das leider auf Grund von Erdrutschen seit langem auf seine (Wieder)-Eröffnung wartet. Man sagt mir, man sei eigentlich ganz froh, dass noch keine Touristen da seien. Dann hätte man wenigstens seine Ruhe. Ich bekomme zunehmend den morbiden Eindruck, dass sich hier eine ganze Region schon mit seinem Platz auf dem Sterbebett abgefunden hat.

Mich machen solche Begegnungen und Beobachtungen sehr traurig und nachdenklich. Ich spüre die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit der Menschen am eigenen Körper. Und von dort an ist es nur ein kleiner Gedankensprung bis zur Idee, warum derartige Gegenden der ideale Nährboden für Rechtsradikale und andere Idioten sind, die zumindest eine Perspektive versprechen - auch wenn sie keine ist.

3. Weg mit dem Wege und Streckendiktat!

Anfangs fahre ich jeden Tag 90km und befolge strikt den GPS-Track. Ich will auf dem richtigen Weg, im Takt bleiben. Getrieben von der Sorge, ich könnte mein Ziel nicht erreichen. Das setzt mich merklich unter Strom.

Doch gibt es einen richtigen Weg? Ein notwendiges, ideales Tempo? Nein! Desto länger ich unterwegs bin, desto mehr ist mir klar, dass das meine Tour ist und ich niemandem etwas zu beweisen habe. Ich darf meine Tour jederzeit verändern, und wenn ich morgen beschließe, den Rest meiner Reise auf einem Dreirad fortzusetzen und dementsprechend nur bis Posemuckel komme, dann ist das eben so.

Daher habe ich inzwischen zwar kein Dreirad gekauft, aber aufgehört, permanent nur aufs GPS oder auf den Track zu glotzen. Ich fahre gemütlich, genieße es wenn ich schnell voran komme, aber es gibt auch langsame Tage. Inzwischen weiß ich meist gar nicht genau, wie weit ich an einem Tag gefahren bin. Anstatt präziser Streckenlängen orientiere ich mich inzwischen bei den Etappen an T-Shirtgrößen. An manchen Tagen fahre ich S (short), viele Tage sind M (middle) und ab und zu gibt es auch XXL-Etappen. So wie gestern, aber danach war auch ein Pausetag fällig. Pausetage lege ich inzwischen übrigens alle fünf bis sechs Tage ein, allein schon deswegen, um Wäsche zu waschen, das Blog zu füllen und die Lust am Radfahren nicht zu verlieren.

4. Highlights bewusst einbauen

Es ist eine große Gefahr: Aufstehen, Wasserflaschen füllen, 90km dem GPS hinterradeln, Zeltplatz oder Pension suchen, Abendessen, Gute-Nacht-Bier. Zwischen drin wird der Tag versüßt durch Müsliriegel, wahlweise in Nuss, Schoko-Banane oder Joghurt-Erdbeer. Wenn man in diese Routine gerät, grüßt irgendwann das Murmeltier.

Mir ist ein solcher Tagesablauf zu monoton und zu langweilig. Dazu kommt, dass es eben Tage oder Wochen wie die letzte gibt, wo verdammt wenig passiert. Man radelt z.B. 350km durch polnische Dörfer, die alle fast identisch aussehen. Oder durch das ländliche Sachsen-Anhalt. Da kann es einem übrigens passieren, dass man sich als Highlight auf ein Abendessen in einer Dorfwirtschaft freut. Allerdings ist gerade Dienstag, alles hat zu - und statt einem Festmahl gibt es dannn abends die Notration aus Asia-Instantnudeln.

Wichtig ist es für mich, dass ich während solcher Durststrecken bewusst Highlights einbaue: So habe ich mich wie Bolle gefreut, als mit meinem Quadcopter eindrucksvolle Luftaufnahmen von den Braunkohlebaggern in Ferropolis schießen konnte. Das hatte ich länger geplant, und natürlich feiere ich ein solches Highlight an einem sonst unspektakulären Tag mit einer Currywurst XXL im Museumsrestaurant. Mit extra Mayo.

5. Man lernt, Schweindehunde zu überwinden. Und dafür darf man sich belohnen!

Der gestrige Morgen fängt gut an. Ich wache in meinem Zelt in Miedzyrzecz in Polen auf, es hat gegossen wie aus Eimern. Zum Glück ist mein Zelt dicht, aber ich kann an einem Ende schon unter der Bodenplane eine Pfütze spüren. Kalt und wabbelig. Meine Lust, aufzustehen, schwindet im Nu, denn die Perspektive ist einfach grottig: Wenn ich jetzt rausgehe, bin ich nass. Wenn ich mein Zelt einpacke, ist auch das nass und gammelt im Packsack vor sich hin. Und 80-100km durch den Scheißregen fahren? Ich will gar nicht daran denken!

Ich beschließe, das jetzt durchzuziehen und mir abends an meiner Endstation ein gutes Hotel zu nehmen. Doch während ich mich in meinen Gedanken schon im Hotelrestaurant wähne, muss ich erstmal eine logistische Herausforderung meistern. Die Innenfläche meines Einmannzelts ist gefühlt einen halben Quadratmeter groß. Dazu habe ich die gleiche Fläche nochmal im Vorzelt. Das ist der einzige trockene Bereich, den ich habe. Ich muss meine Klamotten sortieren, den Schlafsack und die Isomatte zusammenrollen. Und die ganze Technik will auch verstaut werden. Dabei darf ich aber nichts aus dem Zelt einfach so rauslegen, da es sonst gefühlt im Ozean aus Wasser, Schlamm und Gras versinkt. Doch irgendwann ist das Puzzle geschafft, das Gepäck ist trocken in den wasserdichten Packtaschen verstaut. Von meinen Nachbarn leihe ich mir eine große Plastiktüte, das Innenzelt trenne ich vom Außenzelt ab und schaffe es so, auch das Zelt weitgehend trocken einzupacken.

Ich glaube es kaum, aber abends sitze ich nach einer XXL-Etappe (über 120km) tatsächlich in einem Dreisternehotel, esse Rinderroulade (fast wie bei Mutti) und trinke Bier.  Und das habe ich mir heute wirklich verdient.

PS: Das Bild ist vor 10 Tagen noch in Deutschland an den Externsteinen entstanden. Heute oder morgen kommt eine erste Gallerie mit mehr Fotos.

Written by Elias on Freitag August 19, 2016
Permalink - Category: news - Tags: radreise, lessonslearned, aachenhelsinki, bike

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