elias weingärtner
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Reisebefehl Sankt Petersburg

Es gibt wenige Städte, für die ich einen Reisebefehl ausrufe. Sankt Peterburg fesselt mich, überrascht mich, fordert mich heraus. Diese Metropole muss man gesehen haben!

Überfahrt

Als ich in Tallinn mit meinem Fahrrad und einer Dose Bier in den Radtaschen auf meine Fähre nach Sankt Petersburg warte, bin ich in guter Gesellschaft. Rund um mich herum haben sich viele junge Leute versammelt. Alle tragen sie grüne Köfferchen aus Pappe mit sich herum. Gehören sie zu einer Reisegruppe? Oder zu einer gemeinen Alien-Sekte? Nein, der Schein trügt: Die Köfferchen sind aus Pappe und tragen einen bekannten Schriftzug - Heineken. "Läuft (an Bord!)", denke ich und sehe kurz in Gedanken an einen feuchtfröhlichen Abend aufblitzen. Doch ehe ich mich versehe, nimmt die Bierschmuggler-Crew die Fähre nach Helsinki, während ich auf meine Fähre nach St Petersburg warte.

Die Überfahrt nach Sankt Petersburg ist sehr beeindruckend und ein Highlight dieser Reise. Wir legen kurz vor Sonnenuntergang ab, die malerische Altstadt von Tallinn versinkt am Horizont, während ich versuche, das perfekte Foto von einer Möwe im Wind zu schießen. Vor der Silhoutte der Stadt, versteht sich. Abends schlendere ich über das Schiff, beobachte deutsche Pauschalreisende und ärgere mich ein wenig über die "Kreativabteilung" der Fährgesellschaft. Offensichtlich hat man versucht, alle Bordrestaurants mit Namen zu versehen, die so durchschnittlich sind, dass es wirklich weh tut. Der Pauschaltourist geht ins "Seven Seas" (gähn), die Pizzeria heißt "Napoli" (okay), die Sportsbar "Legend", das teure Restaurant "Restaurant New York" und der Nachtklub "Funny Rabbit". Diese Verbalgrütze kann ich mir auch mit meiner Dose Bier nicht schöntrinken, und es versteht sich von selbst, dass bei der Gestaltung dieser Etablissements Lieblosigkeit ganz groß geschrieben wurde.

Ankunft in der zweigrößten Stadt Russlands

Durch mein Kabinenfenster beobachte ich den Vollmond, und malerisch spiegelt sich sein Silberglanz in den Wogen der Ostsee.  Nachdem ich fünf Euro ins Lyrikphrasenschwein geworfen habe, wache ich in Sankt Petersburg auf und checke wenig später in meiner Herberge für diese Woche ein, dem Simple Hostel.  Ich nächtige wenige Meter von der Hermitage und dem Winterpalast entfernt. Schon bei meinem ersten Stadtbummel beeindrucken mich die zahlreichen Kanäle, die wunderbaren Kirchen mit ihren Kuppelbauten und die zahlreichen Paläste. Die ganze Stadt ist ein Denkmal, unbeschreiblich schön, unbeschreiblich lebhaft, unbeschreiblich anders. Mich umgibt ein weltstädtisches Flair, das ich so nur in wenigen Städten wie New York kenne. Auch die Russische Küche zeigt sich von ihrer besten Seite, als ich abends im Restaurant "Prospekt" ein wunderbares Abendessen inklusive vier Sorten Kaviars als Vorspeise einnehme, für insgesamt zwanzig Euro inklusive Getränken.

Plötzlich WG-Bewohner

Schon am ersten Tag fühlt sich mein Hostel viel mehr an wie eine Studenten-WG in einem internationalen Wohnheim. Die Herberge ist klein, es gibt sechs Zimmer, einen Küchentisch. Am Tisch dieser Hermitage-WG entwickeln sich viele spannende Gespräche über das Reisen, über Russland und natürlich viele persönliche Erfahrungen und Weisheiten aus dem Leben der WG-Bewohner. Und natürlich schreibt die WG auch ihre eigenen Geschichten: Ich wache auf, kann nicht mehr schlafen. In meiner Nase ist ein beißender Geruch, widerlich. Sofort ist mir klar, dass ich diesen Geruch gut kenne, aber seit 16 Jahren zum Glück nicht mehr ertragen musste: Es riecht wie im Aufnahmezimmer der Station 32 des Zentrums für Psychiatrie in Emmendingen. Dort habe im Rahmen meines Zivildienstes einst Alkoholiker am Fließband mit entgiftet. Sicherheitshalber rieche ich an meinem T-Shirt, aber die Probe fällt wie erwartet negativ aus. Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Mein Zimmernachbar Hong, ein braver Chinese, muss irgendeiner Vodkatour für Backpacker zum Opfer gefallen sein. Ich kneife meine Nasenflügel zusammen, aber es geht nicht. Kurze Zeit später klopfe ich an der Nachtpforte die Hostelwache heraus und ziehe in ein anderes Zimmer um, bevor mich der abgatmete Fusel selbst noch besoffen macht. "Ach, der hat abends schon so gestunken", sagt mir eine deutsche Reisende am nächsten Morgen.

Sightseeing für Nerds

Während der kommenden Tage bummle ich durch einige Museen der Stadt, besichtige den Winterpalast. Es ist ein sehr beeindruckendes Kunstmuseum, das man alleine schon wegen der Architektur gesehen haben muss. In zahlreichen Prunksäälen hängen die Werke zahlreicher Meister, teilweise in zwei Reihen übereinander. In anderen Museen lerne ich etwas über die Völker des russischen Kontinents und über russische Spione.

Richtig aus den Socken haut mich aber das "Museum der sowjetischen Arkade-Maschinen". In einem alten Industriebau sind dutzende Spielautomaten aus Sowjetzeiten aufgebaut. Mein Nerd-Herz geht auf, als mir die freundliche Museumsangestellte 15 Sowjetmünzen in die Hand drückt und mir sagt, dass ich die Automaten auch spielen darf.

Also rein ins Gedaddel. Während der nächsten Stunde spiele ich wirklich archaische Spielautomaten, die oft vollmechanisch funktionieren. Besonders gut gefällt mir ein Spiel, in dem man Schiffe versenken muss. Die Schiffe werden durch irgendeine Mechanik am Horizont bewegt. Als ich auf den Knopf drücke, leuchten dutzende Lämpchen, mein "Schuss" wird mechanisch über die Oberfläche gezogen. Wahnsinn, und allein dieses Museum rechtfertigt meine Reise in die zweitgrößte Stadt Russlands.

Abschied

Da mir Sankt Petersburg so gut gefällt und ich das WG-Leben genieße, entschließe ich mich, mein Russland-Visum auszureizen und bis zum letzten Tag in der Stadt zu verbringen. Ich nehme schweren Herzens Abschied von Sankt Petersburg, mit der sicheren Absicht, bald wieder zu kommen und schiebe mein Fahrrad auf die Fähre nach Helsinki, der Endstation meiner Reise. 

Written by Elias on Sonntag September 25, 2016
Permalink - Tags: aachenhelsinki, adventure, russia, sanktpetersburg, travel, retro

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