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Noch vier Tage bis zum großen Abenteuer

Noch vier Tage - dann bin ich auf dem Fahrrad von Aachen nach Helsinki unterwegs. Wie kommt es dazu? Wo fahre ich entlang? Diese Fragen beantwortet dieser Blogpost.

Die letzten Monate sind wie im Flug vergangen. Die erste Hälfte des Jahres waren geprägt von Dienstreisen nach Rumänien und Ostwestfalen. Auch darüber hinaus war ich viel unterwegs:  Auf einem tollen Junggesellenabschied in Maastricht und einer ritterlich-herzlichen Hochzeit im Aachener Land.  Auf Geburtstagen und Grillfeiern im Pott. Wandern im Schwarzwald. Es war also viel los in den letzten Monaten, und Ruhe, Entspannung und Muße bliebt buchstäblich auf der Strecke. Bis jetzt, denn in 3 Tagen bin ich für zwei Monate unterwegs.

Knapp 11 Monate sind seit meiner Radreise von Bratislava nach Vidin in Bulgarien vergangen. Nach dieser Reise, die ich damals auch in einem Film dokumentiert habe, war für mich eins klar: Ich möchte zwei Monate raus, abhauen, die Welt beradeln. Und nun ist es soweit: Ich fahre mit dem Fahrrad von Aachen nach Helsinki.

Die Strecke

Sofort nach meiner Rückkehr aus Bulgarien ist mir klar: Osteuropäische Länder reizen mich. Sprachen, Alphabete, die ich noch nicht verstehe. Menschen, die herzlich sind und den Kontakt mit Reisenden suchen. Fettiges und deftiges Essen, mit dem man als Radler ruckzuck die eigenen Energiereserven aufladen kann. Der Entschluss ist also schnell gefasst: Ich radle wieder Richtung Osten.

Gleichzeitig weiß ich aus den Erinnerungen der letzten Tour, dass meine Radfahrkollegin Joya und ich häufig mit der Hitze gekämpft haben. Täglich 100km durch 36 Grad in der prallen Sonne sind Leistungssport. Serbien, Kroatien, Ungarn, Rumänien sind tolle Länder, die ich auf  Grund der letzten Tour und meiner Dienstreisen inzwischen gut kenne. Ich will in Bewegung bleiben, neues entdecken und erleben. Und mich dahin wagen, wo ich nicht weiß was mich erwartet. Baltikum. Polen. Russland.

Bei meinen Recherchen wäge ich zwischen unzähligen Strecken ab. An der Ostsee entlang dem Eurovelo entlang bis Talinn? Oder soll ich den noch nicht realisierten Eurovelo 4 bis Kiev nehmen? Oder gar durch Weißrussland auf dem Eurovelo 2 nach Moskau? Eins ist für mich klar: Ich möchte einem Fernradweg folgen, allein schon deswegen, weil ich alleine losfahre und hoffe, andere Reiseradler zu treffen und ein Stück gemeinsam fahren zu können. Daher scheiden alle "FreeStyle"-Routen rasch aus und ich konzentriere mich auf die Suche nach einem ausgeschilderten Fernradweg nach Osteuropa.

Fündig werde ich schnell: Der Europaradweg R1 führt von Calais nach St. Petersburg. Das finde ich spannend, die Entscheidung fällt. Nach einigen Abenden am digitalen Reißbrett und nach Analysen von GPS-Tracks entscheide ich mich, die 3800km Strecke etwas zu kürzen, um unterwegs mehr Zeit zu haben. Der Startpunkt fällt auf meine alte Heimat Aachen. So kann ich mich gemütlich im Ruhrgebiet einradeln, ggf. noch Änderungen am Fahrrad vornehmen, bevor die Expedition startet.

Den weiteren Reiseverlauf habt ihr bestimmt schon auf der Karte gesehen, die an diesem Blogpost hängt. Zunächst einmal freue ich mich wie Bolle auf die Strecke bis Berlin. Über den Verlauf durch den Teutoburger Wald und die Abschnitte an der Saale habe ich viel Gutes gehört. Berlin ist immer eine Reise wert. Danach freue ich mich, dass die Tour mit jedem Kilometer ostwärts wilder und abenteuerlicher werden wird. Mal sehen, was das ländliche Polen, Littauen, Lettland, Estland, zwischen drin Kaliningrad und später St. Petersburg und Finnland im September mit mir anstellen wird. Ich werde berichten!

Die Ausrüstung

Auf vielen Radreiseblogs würdet ihr nun hier eine detaillierte Packliste finden. Das erspare ich euch, sondern gebe euch die Antwort auf die wichtigste Frage: Ja, ich nehme nur vier Unterhosen mit. Dazu drei T-Shirts, 2 Icebreaker, 2 Hosen, Regenklamotten und einen Fleece. Der größte Teil meiner Ausrüstung wird Camping-Equipment für Osteuropa sowie Foto- und Filmausrüstung sein.

"... und was wenn du einen Platten bekommst?"

Diese Frage höre ich sehr häufig. Die schnelle Antwort ist, dass das relativ unwahrscheinlich ist, weil ich Schwalbe Marathon Reifen fahre. Sollte es dennoch passieren, dann werde ich den Schlauch einfach flicken.

Grundsätzlich steckt ja hier eine andere Frage dahinter, nämlich die, was ich mache, wenn etwas schief geht. Grundsätzlich muss ich davon ausgehen, dass auf einer so großen Reise so manches schief gehen wird. Ich muss damit rechnen, dass es eine Woche wie aus Eimern regnet, ich zu langsam voran komme, mir mein Ausweis/Geld/Fahrrad geklaut wird oder mich der Grenzbeamte in Russland nicht reinlässt, obwohl ich ein Visum habe.

Wichtig ist, dass man mit der Erwartung an eine solche Tour startet, dass sie nicht perfekt sein wird und dass Rückschläge dazugehören. Daher nehme ich hier mein altes Pfadfindermotto, "allzeit bereit zu sein", sehr zu Herzen. Ich habe fest vor, in Helsinki anzukommen, doch behalte es mir vor, unterwegs Änderungen an der Reise vorzunehmen, indem ich beispielsweise auch mal 500km mit dem Zug abkürze oder länger in einer Stadt bleibe, um mich zu erholen.

Übernachten

Klar ist, dass ich knapp sechzig Nächte unterwegs bin. Bei so einer langen Reise wird das auch zu einer Budgetfrage, da ich aus Erfahrung für ein Zimmer je nach Land und Gegend zwischen 10 Euro und 50 Euro pro Nacht veranschlage. Damit ich mir also mein fürstliches Viersternebett in Tartu guten Gewissens leisten kann, muss ich vorher etwas bei den Übernachtungen sparen. Und das tue ich sehr gerne.

Zum einen werde ich häufig Zelten. Dazu führe ich ein professionelles Expeditionszelt (Exped Vela 1 UL, für euch Outdoornerds) mit, außerdem alles, um auch in der freien Natur kochen zu können. Zelten bedeutet für mich Freiheit, Abenteuer, Naturnnähe. Gibt es was schöneres, als nach einer langen Radetappe das Zelt an einem See oder an einem Fluss aufzuschlagen und sich im Wasser abzukühlen, bevor man sich bei Sonnenuntergang die kühle Bierdose von der Tankstelle aufmacht? Nein. Eben.

Am meisten freue ich mich jedoch darauf, privat unterzukommen. Dazu gibt es eine großartige Community im Netz, Warmshowers. Warmshowers ist eine Community für Radreisende. Man hilft sich gegenseitig, man beherbergt sich gegenseitig. Bereits auf meiner letzten Reise durfte ich in Bukarest bei Anastasia zu Gast sein. Ich habe inzwischen Gäste aus Kanada und Koblenz hier in Freiburg beherbergt. Alle Begegnungen waren sehr freundschaftlich und geprägt von der Leidenschaft des Radfahrens.

Essen

ist eine Stadt im Ruhrgebiet und wird am 3. Tag erreicht. Ach halt, natürlich wollte ich über Nahrung schreiben: Zum Glück nage ich nicht am Hungertuch und freue mich auf kulinarische Entdeckungen am Wegesrand. Mein Ziel ist es, einmal am Tag Essen zu gehen oder selbst zu kochen. Von Radreisenden, die sich nur mit Proteinriegeln durchfüttern oder Fernradfahren zur Mission für Veganismus erklären, halte ich wenig. Ich werde alles essen, was auf den Tisch kommt.

Begegnen

Ich freue mich auch über Mitradlerinnen und Mitradler, die mich ab dem Ruhrgebiet weiter Richtung Osten begleiten. Ich gehe davon aus, dass ich Anfang der zweiten Augustwoche im Raum Essen starte. Ihr erfahrt davon, wenn ihr dieses Blog lest.

Written by Elias on Samstag Juli 30, 2016
Permalink - Tags: aachen, helsinki, radreise, travel, vorfreude, vorbereitung, auszeit

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