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Kaliningrad und Litauen: Ein Unterschied wie Tag und Nacht

Anders lässt es sich nicht beschreiben: Fahrradfahren in Kaliningrad  ist Masochismus. Ich bin froh, als ich mit dem Fahrrad den Moloch verlasse und auf die kurische Nehrung zusteuere, durch die ländlichgen Gegenden der Enklave. Und der Hidden Champion der letzten Tage? Litauen!

Das beschwerliche Fahrradfahren in Kaliningrad

Mit meiner Einreise nach Kalningrad (Königsberg) in Russland ändert sich schlagartig vieles. Zum Einen fühle mich binnen von einer Sekunde wie ein Analphabet, den kryrillisch stand leider nie auf meinem Lehrplan. Mit der Zeit lerne ich, lebensnotwendige Worte wie кофе (Kaffee) wiederzuerkennen. Aber spätestens beim Essen bin ich darauf angewiesen, entweder nach einer englischen oder deutschen Speisekarte zu fragen, oder schlichtweg einfach Königsberger Klopse (siehe Foto) zu bestellen.

Die zweite Herausforderung besteht in der Navigation. Aus Deutschland und Polen bin ich eine lückenlose Ausschilderung des Radwegnetzes gewohnt. In Russland? Nada. Keine Ausschilderung, keine Fahrradwege. Die einzige Möglichkeit, mich überhaupt zurecht zu finden, ist mein GPS-Gerät. (Für die GeoInformatik-Nerds unter Euch: Ich verwende eine routingfähige Fahrradkarte auf Basis von OpenStreetMap (Openfietsmap). Genau genommen verwende garmin.openstreetmap.nl. Dieser Dienst erlaubt es, ein gmapsupp.img (für Garmingeräte) auf Basis einer eigenen Tile-Auswahl zu generieren. Das Routing funktioniert hervorragend.)

Die dritte Herausforderung ist es dann auf dem Weg nach Kalingrad hinein bzw. heraus nicht überfahren zu werden: Anders als in Polen führt der Europaradweg R1 nicht auf einsamen Landstraßen zum Ziel, sondern nutzt teilweise heftig befahrene Autostraßen. Den russischen Fahrstil möchte ich positiv als "mutig" beschreiben. Es passiert in den letzten Tagen zwei oder drei Mal, dass auf der Gegenfahrbahn ein Überholmanöver geschieht und mir ein überholendes Auto von vorne gefährlich nahe kommt.

Und Kaliningrad?

Kaliningrad habe ich mir als eine sehenswerte Hafenstadt vorgestellt, mit netten Cafés in der Altstadt, ein Ruhepol, um zwei Tage zur verweilen. Königsberg hat, so denke ich, ja eine bewegte Geschichte hinter sich - und ist sicherlich sehenswert. Und da der Europaradweg dran vorbeiführt, muss Kaliningrad ja ein kulturelles Highlight sein. In einer Reihe mit Berlin, Detmold und Holzminden!

Mein Stadtbummel ist leider etwas ernüchternd. Pflichtbewusst toure ich alle Sehenswürdigkeiten meines Reiseführers ab. Ich lerne, dass auf dem Fundament des Königsberger Schlosses nun das Haus der Sowjets (siehe Wikipedia) steht, eine fiese Bauruine, die als Metapher des Scheiterns der UDSSR gilt. Am Siegesplatz bewundere ich eine fulminante Säule mit Hammer und Sichel an der Spitze. Der Königsberger Dom ist wirklich sehenswert, allerdings ist auch er größtenteils wieder aufgebaut - er hat die Bombardements des 2. Weltkrieges nicht überlebt.

Während das Stadtbild Kaliningrads mich wirklich enttäuscht, bin ich jedoch fasziniert von Kaliningrad als russischer Metropole. Hier treffen buchstäblich Welten aufeinander: Im Supermarkt sehe ich Kaviar, sündhaft teure Feinkost aus Russland, lebende Störe, Coca-Cola und Haribo. Als meine Blicke eine Tafel Ritter Sport streifen, greife auch ich zu. Die selbstbewusste Russin in meiner Schlange bezahlt ihren Großeinkauf standesgemäß mit einer 5000-Rubelnote. Zwei Straßen weiter sehe ich Menschen auf Plastikhockern sitzen, die auf einem Campingtisch drei Gurken und fünf Steinpilze verkaufen.

Ab an die Ostsee

Nach zwei Tagen im Moloch habe ich genug, radle weiter nach Selenogradsk (deutsch: Cranz), einem etwas in die Jahre gekommenen Ostseebad. Der Weg dorthin führt mich endlich durch ländlichere Regionen auf russischem Staatsgebiet. Schöne Landschaften, auch wenn ich dort keine Kühe gesehen habe. Das letzte Stück lege dann mit dem Fahrrad aus Zeitgründen auf der Autobahn zurück. Wider erwarten ist das ganze sehr tiefenentspannt, da die Autobahn kaum befahren ist und ich dank Rückenwind 30km in etwa 70 Minuten zurücklege.

Selenogradsk nehme ich als schönen Kontrast zu Kaliningrad war. Ein nettes Städtchen, mit netten Cafés und Menschen, die ich mich das erste Mal in Russland auf der Straße auf meine Tour ansprechen. Bei meinen abendlichen Recherchen lerne ich, dass Cranz die Heimatstadt einer bekannten deutschen Pilotin ist, Beate Uhse. Jetzt weiss ich, wo die Good Vibrations in dieser Stadt herkommen.

Die kurische Nehrung

Von Selenogradk radle ich weiter in Richtung Norden, und zwar auf der kurischen Nehrung Richtung Litauen. Die kurische Nehrung ist eine ca. 100km lange und  sehr schmale Halbinsel, die an der engsten Stelle nur 380m breit ist. Dieser Abschnitt des Radweges ist das bisherige Highlight auf meiner Reise: Zum einen faszinieren mich die Traumstrände, zum anderen die teilweise 50m hohen Sanddünen -  ein beliebter Tourismusmagnet.

Mitten auf der kurischen Nehrung betrete ich dann wieder mit der Einreise nach Litauen den Boden der Europäischen Union. Doch bevor ich auf Litauischem Boden stehe, radle ich durch 2km russisches Grenzgebiet, auf dem ich drei Mal meinen Pass zeigen muss. Ein russischer Spürhund überprüft mein gepäckbeladenes Reisefahrrad, dem ich insgeheim den Spitznamen Rudi gegeben habe, auf Drogen, Sprengstoffe und polnische Energydrinks. Doch Rudi ist clean.

Litauen! Litauen! Litauen!

In Litauen bin ich ich sehr überrascht, mich in einem Radfahrerparadies wiederzufinden. Ich fahre auf dem Eurovelo 10 zunächst nach Nida. Der Radweg ist asphaltiert und führt fernab aller Straßen mitten durch die Natur der kurischen Nehrung. In Nida steige ich zum Sonnenuntergang auf eine große Sanddüne und nächtige in einem eigenen Ferienhaus.

Heute ist mein zweiter Tag in Littauen. Mein Eindruck bestätigt sich: Die kurische Nehrung ist wunderschön, und jeder Kilometer Radweg ist ein Genuß. Unweit von Klaipedia stürze ich mich in die Ostsee, bevor ich nach einem Nachtmahl diese Zeilen auf einem einsamen Campingplatz schreibe.

Written by Elias on Freitag September 2, 2016
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