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Harz aber Herzlich

Die erste Woche meiner Radreise ist geprägt von den verwunschenen Landschaften und malerischen Bergbaustädtchen des Harzes und zahlreichen, herzlichen Begegnungen. Und der Radweg? Im Harz ziemlich harzcore.

Gestärkt mit einem Frühstück für Zwei breche ich in Hamm in Westfalen auf und arb eite mich langsam, aber stetig durch Ostwestfalen. Überall Kühe, Fleischbetriebe, Viehwirtschaft. Einleuchtend, denn irgendwie muss ja der Mettdurst der Menschen dort gestillt werden. In der Bäckerei habe ich Mettbrötchen gesehen. Und gegessen.

Mein erster Stop ist Steinhagen bei Bielefeld. Dort treffe ich mich mit Micha, einer alten Freundin aus DPSG-Zeiten. Eigentlich wollen wir unseren Sushirekord vom letzten Mal brechen (60 Sushis), scheitern aber schlicht daran, dass der Dealer unserer Wahl inzwischen sein Lokal geschlossen hat. Das Wetter ist trüb und die Wahl einer spanischen Tapasbar lässt die Sonne auf dem Teller aufgehen. Ein schöner Tag, tolle Gespräche, und ich falle auf meiner Gästecouch ins Bett.

Am nächsten Tag nehme ich mir einer längere Strecke vor. Zunächst führt der Weg an Bielefeld vorbei nach Detmold und weiter Richtung Holzminden. Bereits vor Holzminden lässt der Europaradweg R1 seine Muskeln spielen, der Anstieg hoch zu den Externsteinen ist knackiger als erwartet.  Belohnt werde ich oben mit den Externsteinen, die ich diesesmal mit der Drohne überfliege - und prompt dafür verwarnt werde. Als die Drohne am Boden ist, sind die Aufnahmen für den privaten Film jedoch bereits im Kasten. Unterwegs stärke ich mich mit Mettbrötchen.

Ziemlich spät rolle ich in Holzminden auf dem Campingplatz ein. Die Dauercamper geben sich bereits kollektiv die Kante. Ich denke, während ich das Zelt aufbaue, über ein Zweitstudium der Ethnologie nach. Allein schon, um diese Subkultur der Dauercamper endlich mal besser zu verstehen und akademisch unter die Lupe nehmen zu können.

Ich entscheide mich, während ich im Zelt liege, am nächsten Tag Goslar anzusteuern. Übernachten will ich privat und nehme über Warmshowers Kontakt zu Eddie und Guido auf; Eddie antwortet zügig und voller Neugier trete ich am nächsten Morgen in die Pedale.

Dem Harz komme ich dabei immer näher. Es geht auf und ab, und die Radwege werden zunehmend schlechter. Kurz vor Goslar befahre ich auf dem Europaradweg R1 10km übelstes Kopfsteinpflaster. Mein Fahrrad fühlt sich an wie ein defekter Massagesessel, es quitscht und wackelt an allen Stellen. So etwas habe ich bis jetzt nicht erlebt, weder in Deutschland, noch in Rumänien oder Bulgarien.

Zwei wunderbare Begegnungen versüßen mir jedoch diesen Radfahrtag: Unterwegs lerne ich Elad aus Israel kennen. Er ist unterwegs nach Leipzig, hat bereits 2000km in den Knochen und ein ähnliches Tempo wie ich in den Beinen. Wir lassen die drei Rentner aus Berlin, die sich seit Detmold ein Rennen mit mir liefern, ziehen und strampeln gemütlich vorwärts. Unfassbar, wie schnell wir vorankommen. Nachdem ich Elad unterwegs verabschiede, kämpfe ich mich alleine noch 60km bis zum heutigen Ziel. In Goslar komme ich bei Edgar auf einem großen Hofgut unter. Ich bewohne die Scheune neben dem Hühnerstall. Abends sitzen wir gemeinsam bei Bier in Edgars Bus, trinken Bier, essen und sprechen über das Reisen. Ein toller Abend!

Am nächsten Morgen - ich habe bereits über 500km in den Knochen - fühle ich den Harz in meinen Waden. Ich fühle mich ausgelaugt und merke, dass ich es ruhig angehen will. Daher entscheide ich mich, meine Etappe etwas zu kürzen und nach Thale zu fahren. Während meines zweiten Frühstücks in Goslar blättere ich im Reiseführer. "Wege schlecht befahrbar, steil, Kopfsteinpflaster...". Wer die steilen und schwierigen Stellen meiden möchte, möge doch die Bahn nach Gatersleben nehmen, steht da. Gleichzeitig wird das Wetter merklich ungemütlich. Was soll ich tun? Ich entscheide mich für die nicht beschriebene Variante drei, nämlich das steile Stück des Weges einfach großflächig zu umradeln.

Im Schuss verlasse ich mit stattlichem Tempo Goslar, den Harz im Rücken. Plötzlich überholt mich ein Rennradfahrer und ruft "Elias?". Ich bin ziemlich irritiert, da ich niemanden in Goslar kenne. Habe ich etwa Groupies? Schwachsinn. Der Radfahrer stellt sich als Guido von Warmshowers vor. Guido kennt den Europaradweg R1 und gibt mir wertvolle Tipps für meine Route Richtung Osten. Nach einem sehr heiteren und freundschaftlichen Gespräch verabschieden wir uns, und ich radle durch wunderbare Ortschaften des Harzes auf flachem Gelände gemütlich Richtung Thale.

Natürlich sind in Thale alle Pensionen voll. Kein Bett für Elias. Also doch Zelten. Während ich mein Zelt aufbaue und mich freue, dass die Sonne mein leicht feuchtes Zelt trocknen wird, erlebe ich eine große Überraschung: Elad schiebt sein Rad auf den Stellplatz neben mich, wir bauen unsere Zelte auf und freuen uns, uns hier wieder zu treffen.

Nach einem laut Zutaten mit Invertzuckersirup gesüßten Schwarzbier, an dessen Treue zum Reinheitsgebot ich wirklich zweifle, und reichlich Grillfleisch vom Grill krieche ich in mein Zelt und beschließe, wieder häufiger zu zelten. Einfach gut hier.

Am nächsten Tag lasse ich es laufen und fahre von Thale nach Bernburg an der Saale. Die paar Hügel überwinde ich im Nu, und es läuft einfach. Geil. Gleichzeitig beginne ich, den Europaradweg R1 nicht mehr strikt zu befahren, sondern öfters eher zu interpretieren. Ich baue Abkürzungen ein, nutze andere Radwege. Am Concordiasee - einem gefluteten Tagebau - lande ich so auf einem zukünfttigen Stück Radweg des Europaradwegs, das bis jetzt noch nicht freigegeben ist.

In Bernburg angekommen ist er leider plötzlich da, der Frosch im Hals. Meine Stimme ist merklich angeschlagen, ich fühle mich schlapp, habe Schweißausbrühe. Ich buche spontan ein Zimmer im erstbesten Hotel, will mich ausruhen. Mein Körper ruft nach knapp 700km "Pause!", doch Bernburg fühlt sich nicht nach dem Ort an, wo ich mich ausruhen möchte.

Diese Zeilen schreibe ich in Dessau. Unweit des Bauhauses, das ich mir nachher ansehen werde, ruhe ich mich einen Tag aus. Wasche Wäsche, bringe mein Fahrrad in Schuss, kuriere meine Erkältung aus. Morgen geht es weiter Richtung Ferropolis. Der Stadt aus Eisen!

Written by Elias on Montag August 15, 2016
Permalink - Category: news - Tags: adventure, radreise, harz

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