elias weingärtner
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Endstation Estland?

Als ich diese Woche Tartu erreiche, weiß ich, dass ich am Ziel bin, auch wenn ich eigentlich nach St. Petersburg und Helsinki will. Ich beschließe, dass in Estland das Radfahren ein Ende hat. Wie kommt es dazu? Und welcher Halt folgt auf die Endstation?

Um dem Straßenverkehr der lettischen Hauptstadt Riga zu entkommen, folge ich dem Rat meines Radreiseführers und nehme den Zug nach Sigulda. Es sind ja nur noch 800km bis St. Petersburg, denke ich mir, und fahre los. Unterwegs kehre ich in einem namenlosen Touristenort ein, fülle die Wasservorräte, trinke ein leckeres Kwas. Kwas ist ein Getränk, das aus fermentiertem Brot hergestellt wird und ein idealer Ersatz für alkoholfreies Weizenbier. Außerdem kaufe ich für den weiteren Weg noch ein paar Schokowaffeln und Würste, die nach dem Auspacken nicht nur fies schmecken, sondern auch wirklich ungenießbar riechen. Ich ärgere mich, sinniere darüber ob Lettland bereits einen Gammelfleischskandal hatte und packe die Würste des Verderbens sicherheitshalber doch mal ein.

Schneller als mir lieb ist hat mich der Europaradweg, wie ich ihn kenne, wieder. Schotterpiste und Sandstraße durch die lettische Botanik, Steigungen zwischen 10 und 12%. Pure Einsamkeit. Die Landschaft ist schön, denke ich mir - aber erinnert mich das nicht an Litauen vor einer, Polen vor zwei, Deutschland vor drei Wochen? Die Sonne sinkt, und ich mache mir Gedanken, wo ich unterkomme. Ich beschließe, meine Motivationsprobleme in einem Reha-Zentrum in der Nähe von Skalupes zu kurieren. Für zwanzig Euro übernachte ich in einem alten Kurhaus der Soviets. Auf das Angebot, eine Bäderbehandlung, Massagen oder Östheopathie dazuzubuchen, verzichte ich. Bei meinem Studium, wo ich hier überhaupt gelandet bin, lerne ich, dass  sich unter dem Krankenhaus ein riesiger Atombunker der ehemaligen UDSSR befindet. Das Krankenhaus war damals nur eine Tarneinrichtung. Mich beschleichen merkwürdgige Gefühle. Ein Krankenhaus als menschliches Schutzschild? Dafür gibts keinen blauen Daumen. Mein Zimmer ist aber sauber, ich sehe keine Wanzen. Die russische Tapete an den Wänden meines Zimmers hat schon bessere Zeiten erlebt. Dennoch hat das ganze etwas Retro-Chic, und das Foto des letzten Blog-Artikels entsteht dort.

Nach einer kurzen Ruhepause gehe ich im Reha-Zentrum auf Nahrungssuche. Auf den trostlosen Gängen kommen mir Senioren mit Rollatoren und allerlei Gebrechen entgegen. Im Foyer bildet sich ein leerer Stuhlkreis um einen einsamen Fernseher. Am nächsten Morgen werde ich im Aufzug Pflegepersonal im Weißkittel begegnen, die Rollstuhlfahrer schieben. Aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Bei der Frage, wo ich denn hier was zu Essen finde, muss die Dame an der Rezeption passen. Das Klinikcafé ist zu, und zwischen dem nächsten Ort mit Einkaufsmöglichkeit und mir liegen 4km auf der Schotterpiste in absoluter Dunkelheit. Darauf habe ich keine Lust. Notgedrungen stille ich meinen Hunger also mit ein paar Kartoffelchips aus den Unweiten meiner Radtaschen und dem lettischen Gammelfleisch. Die Motivations-Reha läuft ja super, denke ich mir

Am nächsten Morgen klatscht mir eine Angestellte der Kategorie Mensa-Angestellte mit einer Kelle supergesundes Frühstück auf meinen Teller. Haferbrei. Ich sitze allein in einem großen Speisesaal, und auch die zaghaften Versuche, aus dieser Hölle aus Beton irgendwas durch Deko zu machen, sind vergeblich gescheitert. Als ich nebenbei im Gästebuch blättere, trifft mich der Schlag, als ich lese, dass hier wirklich eine deutsche Klasse ihren Schullandheimaufenthalt verbracht hat.

Mich beschleicht ein Gefühl der Befreiung, als ich endlich wieder im Sattel sitze. Vielleicht ist es ein Fluchtimpuls, der mich antreibt. Es läuft gut, und ich erreiche abends nach Sonnenuntergang die estnische Grenze.  Dort begegne ich nach einer Woche das erste Mal wieder Radreisenden. Sie kommen mir entgegen, wir winken uns zu. Ich nächtige in Valga. Mir gefallen die Häuser dieser Stadt. Holzhäuser mit Fassaden aus Latten, ähnlich, wie man es aus Schweden oder Finnland kennt. Die Stadt strahlt Ruhe aus, die Menschen sind freundlich. Noch 690km bis Sankt Petersburg. 

Von Valga starte ich ins Bergland Estlands in Richtung Rõuge (deutsch: Rauge). Ich lasse mir viel Zeit, fotografiere, filme. Heute abend will ich mir was Gutes tun, und entscheide mir, im Touristenort eine nette Unterkuft zu suchen. Innerllich träume nach dem Reha-Trauma vom Frühstücksbuffet und Räucherlachs. Oder von einem Lagerfeuer, Stockbrot und guten Gesprächen - und steuere den Campingplatz an. Er liegt malerisch an einem See, die Sonne geht gerade unter. Und er ist total verwaist, die Rezeption ist unbesetzt. Es ist Nebensaison. Diese Hose ist mir definitiv zu tot und ich steuere die nächste Pension an. Als ich die estnische Nummer wähle und auf Englisch mein Anliegen darlege, legt die Gegenseite einfach auf. Ich steuere das nächste Gästehaus an, ebenfalls tote Hose, keine Antwort am Telefon. Während ich mit Tripadvisor, dem estnischen Handynetz und Openstreetmap in der Dämmerung einen Notfallplan aushecke, schließt auch der letzte Laden im Ort.

Notgedrungen steige ich wieder in den Sattel und stimme mich innerlich darauf ein, in der Dunkelheit noch 10km in den Wintersportort Haanja zu fahren. Krasse Steigungen inklusive, Ausgang des Abends ungewiss. Notfalls campe ich eben wild, sage ich mir. Doch dazu kommt es nicht: Am Ortsausgang von Rõuge finde ich zum Glück noch eine Unterkunft. Es ist der dritte Abend in kurzer Zeit, an dem ich mich abends von "Notfallverpflegung" ernähre. Es gibt zur Abwechslung mal Instant Nudeln mit Rindfleischaroma, nachdem Chicken Flavour das letzte Mal dran war. Dazu Brot und Dosenwurst. Das Schlimmste ist aber, dass das Bier alle ist und ich mangels WiFi nicht mal die Kassierer hören kann.

Endlich dämmert es mir, dass  ich etwas an meiner Reise ändern will. Die Beschreibungen der Radstrecke über die weiteren 250km sind wenig euphorisch. Ich beschließe, den Europaradweg R1 zu verlassen und nach Tallinn aufzubrechen. Ich will unter Leute, Rindersteak statt Rindfleischaroma, Reval statt Rõuge. Mit Graphhopper Maps  berechne ich einen neuen GPS-Track. Es sind 290km aus der Pampa Estlands bis nach Tallinn.

Voller Elan breche ich am nächsten Morgen auf. Der berechnete Radweg ist wunderschön, toll zu fahren, alles ist asphaltiert. Ich kämpfe lediglich mit dem Gegenwind, der mich ausbremst. Abends stehe ich auf dem Marktplatz in Tartu. Ich fühle mich hier pudelwohl, ich mag den Spirit dieser Stadt.

Als ich das Looming Hostel in Tartu betrete, weiß ich, das ich eine Oase gefunden habe. Upcycling wird hier ganz groß geschrieben, ein Großteil der Einrichtung besteht aus recyclten Gegenständen. Das Personal erzählt mir, dass eine NGO das Hostel betreibt. Es gibt Gadgets wie ein Aquarium, das Pflanzen zur Filterung des Wassers einsetzt und eine Lampe, die mit einem Ergometer angetrieben wird. Ich trinke seit Wochen wieder einen Kaffee aus fairem Handel und führe wunderbare Gespräche mit Reisenden aus Deutschland und Irland. Wenig später sitze ich unweit des Hostels in einem tollen Restaurant, dem Aparaat. Ich bestelle mir ein Rindersteak, und als mich die Bedienung fragt, ob "Rare" okay sei, weiß ich dass ich am richtigen Ort bin. Selten schmeckt mir ein Bier und das Essen auf dieser Reise so gut wie an diesem Abend.

Ich lasse die letzten Tage revue passieren. Ich habe das Gefühl, endlich "angekommen" zu sein, aber eben in Tartu. Abends verlängere ich meinen Aufenthalt um eine weitere Nacht und genieße am darauffolgenden Tag die Oase des Looming Hostels. Gestärkt durch Fairtrade-Kaffee und ein Mittagessen im Aparaat mache ich mich an die Arbeit und schaue mir die Wegbeschreibungen, die GPS-Tracks nach Tallinn und mögliche Radrouten von Tallinn in Richtung Sankt Petersburg ganz genau an. Meine berechnete Radstrecke nach Tallinn würde weitere 200km durch die Einöde Estlands führen, der Weg von Tallinn nach St. Petersburg wäre gar 500km lang - ohne nennenswerte Highlights. Mein Radreiseführer macht keinen Hehl daraus, dass der Weg an der Küste Estlands Richtung Sankt Petersburg unspektakulär und schwer befahrbar ist. Dazu kommt, dass die Bahnlinie ganz anders verläuft und ich keine Chance hätte, unterwegs mit dem Zug abzukürzen, falls ich mich auf diesen Weg machen sollte

Mit diesem Wissen fälle ich in Tartu eine weitreichende Entscheidung: Die Fahrt nach Tartu war meine letzte Etappe auf dem Fahrrad dieser Reise. Hinter mir liegen über 2900km Radstrecke durch Deutschland, Polen, Russland (Kaliningrad), Litauen, Lettland und Estland. Ich habe unfassbar viel erlebt, gesehen, und viele spannende Momente gehabt.  Mir bleiben noch zwei Wochen, bis ich nach Deutschland fliege, und ich entscheide mich, endlich Urlaub zu machen. Aus meiner Auszeit und Radreise wird jetzt eine Bahn- und Seereise: Am nächsten Morgen nehme ich den Zug nach Tallinn, wo ich meine Eltern für zwei Tage während ihrer eigenen Reise treffe. Wir lassen es uns gut gehen. Tallinn ist eine faszinierende und wunderschöne Stadt, die mir sehr gut gefällt.

Heute gehe ich an Bord der Fähre nach St. Petersburg. Ich habe mir eine Außenkabine mit Fenster gebucht. In Sankt Petersburg werde ich einige Tage verbringen, bevor ich mich in Richtung Helsinki aufmache. Mit dem Schiff?

Written by Elias on Sonntag September 18, 2016
Permalink - Tags: aachenhelsinki, travel, tartu, plans

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