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Durch Polen nach Kaliningrad

Neun Tage bin ich in Polen unterwegs. Und desto weiter ich Richtung Osten fahre, desto spannender wird es!

Dörfer, Dörfer, Dörfer

Zugegebenermaßen sind die ersten 350km durch Polen bis nach Pila nicht besonders aufregend. Der Europaradweg R1 führt durch das ländliche Ostpolen, der Radweg folgt ausschließlich Landstraßen. Ich fahre durch zahlreiche Dörfer. Kennt man eins, kennt man alle.

Doch die Dörfer haben auch etwas für sich: Die Menschen sehr freundlich und ich werde häufig mit einem "Dobre" gegrüßt! Und anders wie in Sachsen-Anhalt ist es in Polen überhaupt kein Problem, auch auf dem kleinsten Dorf spät Abends am Sonntag in einem kleinen Laden (Sklep) einzukaufen. Meist entscheide ich mich für Backwaren, Schokowaffeln und freue mich über die große Anzahl an abgefahrenen polnischen Energiedrinks, auf die ich in Ermangelung an anderen Primärquellen für Koffein (und Taurin...) gerne zurückgreife. Ich habe bereits versprochen, mir diese Unsitte wieder abzugewöhnen.

Smaczsnego!

Allein schon des Essens wegen ist Polen eine Reise wert! Nach einem langen Radfahrtag fülle ich meinen Magen oft mit Pierogi, polnischen Teigtaschen. Und Fastfood? Reichlich! Alleine in die polnische Interpretation des Hamburgers könnte ich mich reinlegen. Wer schon mal einen an der Bude gegessen hat, weiß was ich meine: In Mrotschen kommt bei mir die Mutter aller polnischen Burger auf den Tisch. Ein Weizenbrötchen, reichlich Kraut und Salat, Gurken, Tomaten, fast schön ein Döner. Das Gemüse schwimmt in einer undefinierten Matschepampe aus Mayonaise und Ketchup, zwischen drin ist irgendwo das Fleisch vergraben. Klingt merkwürdig, ist aber verdammt lecker - und schmeckt genau wie vor zwanzig Jahren, als wir mit den Pfadis die masurischen Seen bepaddelt haben.

Endlich Abwechslung!

Als ich die Weichsel erreiche, wird der Radweg auf ein Mal viel abwechslungsreicher. Ich erreiche Chelmno (deutsch: Kulmn), sitze abends während des Sonnenuntergangs auf dem Marktplatz der historischen Altstadt, bewundere das Rathaus und trinke ein leckeres polnisches Bier. Irgendwie muss ich ja von den Energiedrinks wieder runterkommen. Am folgenden Tag folge ich der Weichsel und bekomme das erste Mal auf meiner Tour einen Sonnenbrand. Endlich! Die Tage zuvor hatte ich bei dem kühlen Wetter nämlich eher Angst, Gefrierbrand davon zu tragen...

Die restlichen Tage vergehen wie im Nu. Am nächsten Tag erreiche ich Abends Kwidzyn (deutsch: Marienwerder). Sowohl in Marienwerder als auch in Grudziądz (Graudenz) bewundere ich die fulminanten Backsteinbauten. Am nächsten Tag baue ich dann einen Umweg über Malborg (Marienburg) ein. Marienburg ist das Mekka der Backsteingotik und sieht nicht nur aus der Luft verdammt imposant aus! Besonders fantastisch finde ich, dass ich von meinem Zeltplatz aus direkt auf diese Burg schauen kann. So malerisch habe ich selten gezeltet! 

Am nächsten Tag nähere ich mich immer mehr der russischen Grenze und radle durch Flußauen (und Dörfer) entlang der Weichsel nach Frombork (Frauenburg). Dort steht natürlich wieder Mal eine Burg in Backsteingotik.

Dann die Überraschung! Auf dem Marktplatz treffe ich drei Radreisenden aus Polen, die nicht nur ein Zelt sondern auch eine ähnliches Mindset tragen: Michal trägt ein verdammft nerdiges T-Shirt, das mich an zelluläre Automaten erinnert. Wir verstehen uns auf Anhieb. Mit dabei ist seine Frau Gosia, die sogar die Produkte meines Arbeitgebers kennt und ihr Vater, ein eingefleischter Tourenradfahrer. Da die drei ebenfalls noch eine Bleibe suchen, mieten wir uns für den Abend einfach gemeinsam eine Ferienwohnung und führen tolle Gespräche. Tatsächlich fahren wir am nächsten Tag noch 20km entlang des "Greenvelos", bevor die drei in eine andere Richtung weiterziehen.

Ab ins Unbekannte

Heute morgen beginnt für mich nun endgültig das Abendteuer. Sowohl Polen als auch natürlich Deutschland hatte ich zuvor bereist. Doch nun beginnt ein neues Kapitel. Um 10:00 radle ich auf in Richtung Kalinigrad, einer russischen Enklave. Mir wird es zugegebenermaßen etwas mulmig. Wie wird Russland sein? Werde ich mit den Menschen kommunizieren können? Culture Shock?

Plötzlich taucht die polnische Außengrenze auf. Nach einer Auslandskontrolle befinde ich mich auf einem riesigen Streifen Niemandsland, bevor die russische Grenzstation auf. Russische Soldaten und Grenzer, mit Baseball-Caps, aber auch den alten russischen Schirmmützen. Keine fünf Minuten später stehe ich das erste Mal in meinem Leben auf dem Boden der russischen Förderation. Als ich am Schild "Welcome to Russia" ein Erinnerungsfoto machen möchte, pfeift mich die russische Grenzwache zurück.

Vor mir liegen noch 50km Autostraße nach Kaliningrad, die ich dank eines polnischen Energydrinks rasch zurücklege. Unterwegs sammle ich erste Eindrücke, und ich werde immer neugieriger, was ich in Russland noch alles erleben werde. Alles ist anders, aber doch ähnlich. Das Abenteuer Ost startet.

Written by Elias on Montag August 29, 2016
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