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10 Tage in Lettland

Schon seit 10 Tagen bin ich in Lettland unterwegs. Ein spannendes Land!

Meine zweite Nacht in Litauen verbringe ich, nachdem ich gestärkt durch Minisalami und Dosenbier den letzten Blogpost geschrieben habe, im Zelt. ich schlafe unruhig, es windet stark. Sichtlich gerädert stehe ich auf, schraube den Benzinkocher zusammen und koche mir einen sündhaft starken Kaffee. Auch wenn sich meine Stimmung dadurch hebt, bin ich nicht sicherlich motiviert, heute eine größere Etappe zu fahren und beschließe, heute nur nach Rucava in Lettland aufzubrechen. Es ist 10:00, und ich bin wirklich früh für meine Verhältnisse reif für die Strecke. Den Campingplatz verlasse ich aber erst vier Stunden später. Auf dem Campingplatz lerne Doug kennen, einen US-Amerikaner, der mit seinem Motorrad ein Jahr lang bereist und gerade aus dem Norden kommt. Wir beginnen ein fesselndes Gespräch über US-Politik, das Militär, Donald Trump. Die Zeit vergeht wie im Flug, es ist das erste tiefgehende Gespräch, dass ich seit Tagen führe - und sowohl Doug als auch ich genießen diese Minuten sehr. 

Kurze Zeit später erreiche nach einer Fahrt über die wirklich tollen und naturnahen Radwege Lettland. Und das erste Mal auf meiner Tour werde ich vom Regen gebadet, so sehr, dass auch kein Drei-Wetter-Taft meine Frisur retten hätte können. Nach einer kurzen und feuchten Fahrt erreiche ich dann Rucava. Die Architektur der Häuser mit ihren Holzfassaden erinnert mich stark an die Ortschaften Neu-Englands. Als ich mein Guesthouse betrete, das ich für eine Nacht alleine bewohne, strömt mir ein Raumaroma entgegen, das mir ganz vertraut ist. Plötzlich schießt es mir durch den Kopf: Es riecht hier genau wie im Haus meiner amerikanischen Gastfamilie in Connecticut, wo ich vor 17 Jahren einen Schüleraustausch verbracht habe. Zufall? Nein. Der Vater meiner damaligen Gastfamilie kommt aus Lettland, und beim näheren Hinsehen erinnert mich hier ziemlich vieles an Storrs.

Am nächsten Morgen gießt es nach wie vor aus Eimern, und meine Begeisterung, achzig Kilometer durch den Starkregen zu fahren, ist wirklich begrenzt. Doch ich sattle meine Taschen und nehme mir einen Satz, der mir gut gefällt, zu Herzen. "Wer weiß, wofür es gut ist", sage ich mir, und radle ungefähr einen Kilometer weit. "Ist das nicht das merkwürdige Musikinstrumentmuseum, von dem ich gelesen habe?".Ich betrete einen Raum, in dem nicht nur das Inventar eines kompletten Akkordeonorchesters liegt, sondern viele weitere Instrumente, die ich teilweise nicht kenne. Mongolische Seiteninstrumente, Krummflöten, eine alte Kirchenorgel.

Es dauert keine weiteren fünf Minuten, da bin ich Teil einer unvergesslichen Jam-Session. Der fast zahnlose und greise Museumsbesitzer singt mit drei seiner Buddies russische Soldatenlieder, spielt auf seinem Akkordeon, später auf eigentümlichen Instrumenten aus Sibirien. Da ich die Flöte, die er mir kurzerhand in die Hand drückt, nicht spielen kann, wippe ich nur im Takt mit. Ein Fehler, denn irgendwann soll ich das nächste Lied singen. Nach zwei Schnaps willige ich ein. Meine spontane Interpretation von Heute hier, morgen Dort wird mit mäßiger Begeisterung aufgenommen. Man fragt mich, ob ich nicht anstelle dessen Lieder aus dem Repertoire der deutschen Kriegsmarine singen könne. Ich muss passen. "Zeit zu gehen, nun was anderes zu tun" (frei nach Hannes Wader) denke ich mir, verabschiede mich artig mit drei Brocken Russisch, und fahre los.

Während der kommenden Tage entdecke ich die Traumstrände der lettischen Ostseeküste. Irgendwo kurz vor Ziemupe, einem Dorf an der Westküste Lettlands, übernachte ich in meiner eigenen Holzhütte. Ich bin der einzige Gast, der wunderbare natürliche Sandstrand und der Sonnenuntergang gehören mir. Am nächsten Tag fahre ich weiter nach Kuldiga, zunächst folge ich der Küste, ernähre mich von Müsliriegeln, sehe auch Kühe. Morgens kämpfe ich mit starken Gegenwinden, mittags mit den Hügeln Lettlands und Abends mit dem Stück Tiefkühlpizza, das ich in der letzten geöffneten Bar angeboten bekomme. Hoffentlich endet das derzeit in der Freiburger Presse beschriebene Club-Sterben nicht so wie hier, wo wirklich nach 21:00 nichts mehr aufhat. Nachteule in Lettland - not very funny. Dafür ist Kulisse toll: Ich übernachte direkt neben dem Ventas Rumba, den breitesten Wasserfall Europas, die ich auch nachts rauschen höre. Dass der Wasserfalls zwar 240m breit ist, aber nur zwei Meter hoch, tut dem Geräusch kaum einen Abbruch.

Die nächsten 100km nach Tukums sind unspektakulär, ich fahre 100km auf Straßen durch Stadt, Land und über Fluss. Zu meiner Überraschung checken gerade zwei deutsche Radfahrer, die ich bereits in Kuldiga gesehen habe, in meiner Unterkunft ein. Prima denke ich, dann ist die Duschgelversorgung ja gesichert - denn ich hatte im geteilten Bad in Kuldiga schon davon genascht. Ich schlafe heute in einer Eissporthalle in einem Schlafsaal und habe ein eigenes Bad. Somit kann ich kein Duschgel klauen.

Beim Frühstück lerne ich Uli und Brigitte wirklich kennen. Wir verstehen uns wunderbar und beschließen, gemeinsam einen Tag nach Jurmala zu radeln. Uli schlägt vor, anstatt dem Radweg einige Kilometer den Sandstrand zu befahren. Während das für Uli mit leichtem Gespäck und seine Frau dank Mountain-E-Bike eine einfache Übung ist, stellt mich das ganze mit 20kg Gepäck und Tourenfahrrad vor neue Herausforderungen. Aber es funktioniert: Ist der Stand feucht oder gar plattgewalzt, kann ich ihn wirklich mit dem Reiserrad befahren. Die Blicke der Strandbesucher sind unbezahlbar, ich werde sogar angesprochen, warum ich das mache. "Because it`s funny", antworte ich.

Nach einem gemeinsamen tollen Radfahrtag und einem schönen Abendessen zu dritt, das auch nicht der merkwürdige lettische Rotwein torpedieren kann, schlafe ich ein. Am nächsten Morgen fahre ich noch 20km nach Riga. Dort empfange ich Besuch aus Deutschland. Wir haben eine super Zeit und und ich ruhe mich für die nächsten 800km bis St. Petersburg aus.

Written by Elias on Sonntag September 11, 2016
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